Monday, November 14, 2016

Making of "Steenborgs Ritt" # 5: Grüße aus Berlin

Berlin im Herbst. Die Originalschauplätze von "Steenborgs Ritt". Die Stadt ist um diese Jahreszeit zugig und kalt, so wie es der Roman beschreiben wird. Die sachliche Architektur des Regierungsviertels spiegelt sich im schnörkellosen Stil wieder, den ich bewusst verwende. Bedeutet aber nicht, dass das Emotionale zu kurz käme. So wie das prächtige Laub vor dem Kanzleramt die Struktur durchbricht, nimmt die Atmosphäre einen wesentlichen Raum ein.  
Doch seht selbst und kommt nächstes Jahr mit in ein Berlin, dessen andere Seite ihr noch nicht so kanntet. Ihr begegnet Arne Steenborg und Gesa, den Paparazzi und den Hofschranzen im Kanzleramt, dem Banker Albert Mosbach, für den Deutschland höchstens ein lukratives Abschreibungsobjekt ist, und auch der Vollblutsozialdemokratin Vera Winter ... 2017 sind wir bereit dafür.

"Establishment", "korrupte Eliten" und "die da oben" - soll man in Zeiten, in denen dumpfer Populismus Hochkonjunktur hat, einen politischen Roman schreiben? Darf ein Kanzlerkandidat Protagonist sein? Ja, gerade deshalb. Und weil ich die Welt kenne, in der "Steenborgs Ritt" spielt. Ich bin mir sicher, dass es genügend Menschen gibt, die genau dieses Buch lesen wollen - weil sie billigen Populismus nicht länger hinnehmen.   

 














 



Sunday, October 9, 2016

Schreibtagebuch: Tief im "Nachtland"

"Steenborgs Ritt" ist an seinem Ziel angelangt, doch die Arbeit wird noch einige Monate andauern, bevor er veröffentlichungstauglich ist. Jetzt kann ich mich in den kommenden Wochen voll und ganz dem Gemeinschaftsprojekt "Nachtland" widmen.

Erinnert ihr euch? Nele und ich hatten die Idee einer Dystopie, weil uns die Ereignisse seit Sommer 2015 und der zunehmende Rechtsrutsch in Deutschland und Europa Sorgen bereiten. Wir hatten einen Plot für "Nachtland" erarbeitet und haben die ersten beiden Kapitel fertig. So schnell wie wir vorhatten, waren wir dann doch nicht. Immer wieder kam etwas dazwischen, was uns ein wenig aufhielt und ich muss zugeben, dass ich keine so gute Multitaskerin bin, wie ich angenommen hatte. 
Während ich meinen Steenborg schneller ans Ziel bringen wollte, habe ich nebenbei einige Szenen an "Nachtland" in den Kasten gebracht. Während die Zeit verging und wir unseren Plot abarbeiteten, überraschte und erschreckte uns, wie nah wir dran sind und wieviel davon realistisch ist. Wir haben uns zusammengesetzt, um einen Roman zu schreiben, nicht, um moderne Cassandras zu sein ...

Meine Zusammenfassung soweit: Die beiden Journalisten Ondrej Hasil und Tarek Massoud berichten von einem EU-Gipfel, der die deutsche Kanzlerin brüskiert. Eine neue Mauer zieht sich durch Europa, auf der einen Seite Deutschland - teilweise noch unterstützt von Frankreich, dem bei den anstehenden Präsidentschaftswahlen ein Sieg der Rechtspopulisten droht - und auf der anderen die Staaten Mittel- und Osteuropas, sowie Österreich mit einem rechten Präsidenten. Im wahrsten Sinne des Wortes ist ein neuer Eiserner Vorhang entstanden, die Balkanroute ist dicht, es gibt wieder Grenzkontrollen und jetzt schließen auch noch die Österreicher den Brenner. Der Gipfel endet im Fiasko und damit muss die Bundeskanzlerin zurück nach Berlin.
Inzwischen ist die Stimmung in Deutschland völlig umgekippt. Die EPD (Engagierte Partei Deutschlands) bekommt immer mehr Zuwachs in den Umfragen - die Bundestagswahlen sind nur noch ein halbes Jahr entfernt. Die "besorgten Bürger" des KIID (Kein Islam in Deutschland) werden lauter und aggressiver. Eines Abends führt ihr Spaziergang auf den Leipziger Augustusplatz, wo hinter den Absperrungen und begleitet von einer Hundertschaft Polizei, die Gegendemonstranten warten. Einer der Polizisten ist Jan Viermann. Er steht in voller Montur und mit Schild und Knüppel der geifernden Horde entgegen. Sein Vorgesetzter empfiehlt ihm noch, die "Zecken" im Auge zu behalten. An diesem Abend wird Jan Viermanns Deutschland nicht mehr das selbe sein.

Kommt euch etwas bekannt vor? Es ist erst wenige Tage her, dass der Tag der Deutschen Einheit in Dresden vom Hass und Gebrüll Verblendeter überschattet wurde. Szenen wie diese tun weh, wenn man an die Demokratie glaubt. Wenn man bereit ist, andere Meinungen zu hören und sachlich (!) zu diskutieren, tut es umso mehr weh, wie diese Menschen mit den frei gewählten Vertretern unseres Landes umgehen. Ich merke, ich werde wütend. Doch irgendwie muss ich das kompensieren und benennen. Und am Ende fragen: Wollt ihr wirklich in "Nachtland" leben?

Den Oktober muss ich nutzen, damit die Handlung weiter an Fahrt aufnimmt. Denn endlich, nach Jahren des Widerstehens habe ich mich für den NaNoWriMo 2016 angemeldet. Das heißt, in einem Monat einen Roman von 50 000 Wörtern schreiben. Oh ja, ich liebe Herausforderungen! Aber es geht mir nicht ums Gewinnen, sondern um Motivation und die Freude am Schreiben. Eine Idee hätte ich schon und die habe ich bereits seit mehr als 10 Jahren. Das ist die Gelegenheit, sie endlich zum Leben zu erwecken.

Tuesday, September 20, 2016

Alle Wege führten in Downing Street 10 - Gerechtigkeit für Orgreave

März 1984:
"Du könntest für mich schreiben und den Leuten draußen erklären, wer diese Gewerkschaftsführer sind und welche Ideen sie haben", bittet der Wirtschaftsboss Alan Delaney die Journalistin Phyllis Bundle in Cold Britannia. "Keine Zeitung ist heutzutage unabhängig. Das Volk glaubt, was es sieht, hört und liest."

Zur Erinnerung: 1984 kündigte die Regierung Margaret Thatcher die landesweite Schließung von Kohlezechen an, nachdem sie drei Jahre zuvor mit der Abwicklung von British Steel die Wirtschaft des Landes bereits entgratet und für den Anstieg der Arbeitslosigkeit gesorgt hatte. Ein Jahr lang traten die Bergarbeiter in den Streik, der zum Teil zu blutigen Auseinandersetzungen mit Polizei, Söldnern und Militär geführt hatte. Dabei fällt der Name Orgreave in der Grafschaft South Yorkshire, wo die Gewalt gegen die Streikenden eskalierte. Willkürliche Verhaftungen, massive Polizeigewalt, die in keinerlei Verhältnis zum Anlass stand - darauf gehe ich im Roman ein. Dabei will ich betonen, ich habe mir nichts aus den Fingern gesaugt, nur um möglichst viel Drama und Action reinzubringen, sondern mich auf Augenzeugenberichte gestützt.

"Fahr nach Orgreave, aber mach dir die Hände nicht schmutzig" - Alan Delaney zu Phyllis Bundle.

Eines war immer offensichtlich: Ein derartiger Aufwand an Polizei, Armee und auch Söldnern aus der rechten und Hooligan-Szene konnte - gepaart mit einer Medienkampagne gegen die Bergleute und ihre Gewerkschaft - nur von ganz oben betrieben worden sein. Oder zumindest gebilligt. Thatcher hatte Interesse, die Gewerkschaften zu zerschlagen, bzw, zu schwächen, dass sie ihre neoliberalen Privatisierungspläne nicht mehr durchkreuzten, und ihr ging es um den Machterhalt.

Nein, ich bin keine Verschwörungstheoretikerin. Ich würde mich als sachlichen, zurückhaltenden Menschen bezeichnen, der genau hinschaut. Nur wenn es um meine Protagonisten geht, bin ich auf deren Seite. Hester und James zahlen einen hohen Preis für ihren Mut, es mit einem weitaus überlegeneren Gegner aufzunehmen.

Also Orgreave. Ich bin dank einiger Tweets zu Cold Britannia mit einem Dave von der Orgreave Truth and Justice Campaign in Kontakt gekommen. Er bat mich, für ihn und seine Mitstreiter einen Beitrag aus dem Mittagsmagazin über den Miners' Strike und seine Folgen für die Region zu übersetzen. So erfuhr ich auch, dass die Geschädigten des Polizeieinsatzes - Verletzte, von der South Yorkshire Police willkürlich inhaftierte und misshandelte Gewerkschafter - über die Jahre und Jahrzehnte nicht nachgaben und Gerechtigkeit sowie Aufklärung der Ereignisse forderten. Eine Petition wurde an die damalige Innenministerin und heutige Premierministerin Theresa May übergeben, die bereit war, die Vergangenheit aufzurollen. Polizisten, die damals im Einsatz waren, sagten aus, sie hätten Order von "ganz oben" bekommen, die Streikenden aufzumischen. Und, ja, die Mehrheit der Medien machten mit und beteiligten sich an der Schmutzkampagne gegen Menschen, denen die Lebensgrundlage entzogen wurde.


Die Eiserne Lady ist inzwischen verstorben. Ob sie sich geäußert und bei den Opfern entschuldigt hätte?
Ich wünsche den Freunden der Orgreave Truth and Justice Campaign, dass sie ihr Ziel erreichen und verfolge weiter die Nachrichten aus England.

Friday, September 16, 2016

Schreibtagebuch: Durch ein dunkles Land

Arnes Reise endet. Vorläufig, denn nächstes Jahr werdet ihr dabei sein, wenn "Steenborgs Ritt" erscheint. Dann dürft ihr Arne und Gesa durch Deutschland begleiten. Ihr werdet die Antwort bekommen, ob die beiden am Ende ins Kanzerlamt einziehen, denn sie haben hart genug dafür gekämpft und mehr erduldet, als sie hätten müssen. Doch so ist es in der Politik, der "Kunst des Möglichen".

Ein Jahr und zwei Monate lang habe ich an einer Geschichte gearbeitet, die heraus wollte, weil sie tief in meinem Herzen lag. Jetzt heißt es Ende. Finale. Schluss. Oder? Noch ein Epilog, Deutschland, ein Jahr - und die Welt dreht sich weiter und die Geschichtsschreibung setzt sich fort.

Bevor ich erzähle, wie wir an "Nachtland" arbeiten, kommt noch einmal mit an Bord der Nordseefähre, die Arne in der frühen Herbstnacht zurück ans Festland bringt. Ein dunkles Land liegt vor ihm. Etwas dräut am deutschen Himmel und zeigt sich noch nicht ganz klar. Erste Begegnungen mit "besorgten Bürgern" hat Arne bereits gemacht und auch die Ansichten der Nichtwähler gehört.

Bald schlagen wir die Seiten um und finden uns in "Nachtland" wieder, denn zwischen der nicht allzu weit zurückliegenden Vergangenheit und der Zukunft liegt nur ein Atemzug. Die Schatten am Himmel nehmen Konturen und Substanz an.
Das ist der Ausblick auf den nächsten Roman. Bleiben wir noch eine Weile bei Arne und begleiten ihn nach Hause.

Kommen wir zu der Szene, in die ich euch hineinlesen lasse. Ich mag sie wegen der Atmosphäre und dem spärlichen Licht.




Im Norden wurde es bereits ab acht Uhr abends dunkel, als sollte niemand daran zweifeln, dass der Herbst den Sommer endgültig verdrängte. Die Fähre Richtung Festland schaukelte durch die Wellen der Nordsee und durch die Nacht.
          Arne blieb im Auto. Unter dem Schein des Innenlichts bereitete er sich auf den nächsten Tag vor, den Kugelschreiber zwischen die Finger geklemmt. Das Briefing für seinen nächsten Besuch, Presseberichte, das Geschehen in der Welt jenseits des Wahlkampfs und die neuesten Umfragen. Endlich holte er auf. Arne zeichnete mit dem den Kugelschreiber eine Linie zwischen dem Balken der Kanzlerin und ihm. Sie hatte von ihrer Beliebtheit eingebüßt und er dazugewonnen. Nur noch wenige Tage, um sie einzuholen. Das Schaukeln machte ihn müde. Er ließ seine Unterlagen auf den Schoß sinken.
Nach Hamburg, nach Hause, war es nicht mehr weit. Anlegen und dann runter von der Fähre. Durch die nordfriesische Provinz, an abgeernteten Feldern und Weiden mit stehend schlafenden Kühen vorbei. Zu Hause war nahe, das eigene Bett, und doch nie genügend Schlaf. Kein Schlaf bis zum Morgen nach der Wahl, und als was er dann erwachte. 
 Arne blickte in die Lampe. Das Plastik dimmte ihre volle Helligkeit. Er fasste in sein Jackett, das am Bügel über der Tür hing, und nahm sein Iphone. Gesa sollte wissen, dass er unterwegs war. Noch auf dem Meer, und doch heimwärts.

Monday, August 29, 2016

Schreibtagebuch: Ein deutscher Sommer und missbrauchtes Vertrauen

Schreiben ist wie eine Reise. Sie hat einen Anfang und ein Ziel. So ist es bei "Steenborgs Ritt", der bald endet. Ich habe Arne auf den Etappen seiner Deutschlandreise begleitet, durch Turbulenzen jeder Art, in der Luft, wie auch auf dem Boden der Realität.
Ich bin aktuell mitten im Wahlkampf, die Tour rollt durch den deutschen Sommer. Kilometer um Kilometer auf Autobahnen, Landstraßen, übers Meer zu den Nordseeinseln, auf die Bühnen der großen Städte und zu Besuch bei den Menschen auf dem Land. 
Mit etwas Wehmut habe ich das Ziel im Blick, das Wort um Wort klarer auftaucht, nämlich den Abend der Entscheidung. Die Dramaturgie des Finales läuft bereits in meinem Kopf ab. Da es aber keine Umwege geben darf, muss ich kürzen. So leid es mir tut, ganze Passagen fallen dem Copy and Paste zum Opfer. Vielleicht tauchen sie in einer anderen Form im nächsten Roman wieder auf?
 
Was bisher geschah, habe ich angedeutet. Arne ist auf Tour und Gesa begleitet ihn. Doch ausgerechnet Dieter Maroldt, der für das Nachrichtenmagazin "Panorama" schreibt, und seit Beginn des Romans Arne-Hater, ist mit an Bord und berichtet nicht gerade nett über den Kandidaten. Währenddessen treibt die Praktikantin Judith in Berlin in der Wahlkampfzentrale ihr doppeltes Spiel weiter, bis Vera einen Anruf bekommt. 

Machen wir doch einmal Station mit Arne und seinem Team, bevor es nochmal heiß hergeht ...




Kilometer um Kilometer legte der Bus auf Autobahnen zurück. Der Asphalt flirrte und spiegelte Hitzebilder. Entlang der Leitplanken wuchsen Goldruten. Immer wieder spendeten Wälder Schatten. Seen funkelten in der Sonne. Mähdrescher fuhren reife Kornfelder auf und ab und Wolken drifteten als Schatten darüber.
          Die Stimmung im Bus entsprach dem Sommertag. Vera Winter hörte über ihren Ipod Musik, während sie Zeitungen und Magazine las. Julian Markowski suchte auf seinem Ipod Berichte über den Kandidaten heraus. Die Journalisten, die Arne Steenborg dieses Stück begleiteten, scharten sich um ihn, lehnten in den Sitzen oder beugten sich zu ihm. Er antwortete auf ihre Fragen, machte launige Bemerkungen und brachte sie dazu, einmal zu lächeln. Nur Dieter Maroldt nicht. Das Fernsehteam filmte, Fotoapparate blitzten. Arne machte mit.
       An einer Raststätte, in der es nach scharfen Desinfektionsmitteln und Frittiertem roch, machte der Bus Pause. Der Fahrer wusch die zerplatzten Insektenkörper von der Windschutzscheibe. Arne stellte sich in den Schatten und rauchte. Er sah Vera nach, die mit einer Journalistin an litauischen und polnischen Lastwagen vorbei zur Raststätte ging. Er hatte sie gebeten, ihm etwas zu Essen zu besorgen, Currywurst oder was es gab. Sie zeichnete mit den Händen Figuren in die Luft, die Handtasche schaukelte mit ihren Schritten und sie plauderte mit der Journalistin, als sei sie ihre Freundin. Nebelkrähen segelten herab und stocherten mit den Schnäbeln in überquellenden Mülleimern herum.
          „Ich muss dir was zeigen“, sagte Julian und reichte ihm sein Ipod. „Das ist doch einmal nett.“
          Vera und die Journalistin waren verschwunden. Maroldt hielt sich weiter entfernt bei den anderen Reportern auf. Er nippte an seinem Kaffeebecher.
          Arne glaubte nicht daran, was er auf dem Bildschirm las.
          Honorare, Weinempfehlungen und jedes Wort wird Arne Steenborg im Mund umgedreht. Jede Geste wird gedeutet und ausgeschlachtet, um die nächste mediale Entrüstung zu inszenieren. Unter manchen Kollegen scheint das Steenborg-Bashing Hobby zu sein, ohne dabei zu überlegen, was wahr an manchen Behauptungen sein könnte. Es wird einfach draufgehauen, nachgelegt, denn mit keinem anderen deutschen Politiker lassen sich derzeit Klicks und Auflagen mehr steigern, als mit dem Kanzlerkandidaten. Ihm wird seine forsche Art negativ ausgelegt. Sind wir ihm dankbar, dass wieder Leben in den starren Berliner Politikbetrieb kommt …
          „Ja, wirklich nett“, sagte Arne und gab Julian das Ipod zurück. „Es soll Menschen geben, die es einem gut meinen. Vielleicht ist es noch nicht zu spät, Julian.“